Über Erfahrung und Routine

Kürzlich habe ich das Management-Team eines kleinen, aber feinen Start-Ups kennen gelernt. Die Firma steht kurz vor dem Produkt-Launch. Dem entsprechend geht es drunter und drüber. Die Manager sind auf ihrem jeweiligen Gebiet alte Hasen. Sie haben in den letzten Jahren führende Aufgaben in zig Unternehmen inne gehabt, haben Marken aufgebaut und Märkte erobert. Man merkt, dass das Team weiß, was es tut.

Das Projekt, an dem sie mit Hochdruck arbeiten, heißt Produkt- und Marken-Launch. Deadline ist der Beginn des Weihnachtsgeschäfts. Es ist das reinste Chaos. Und trotzdem verläuft mehr oder weniger alles nach Plan. Trotz Pannen in der Entwicklung, Verzögerungen in der Produktion und Logistik-Problemen sind alle Beteiligten Guter Dinge, dass letztendlich alles klappt. Interessanterweise auch ich.

Woran das liegt? Das habe ich mich auch gefragt. Es scheint die Fähigkeit der agierenden Personen zu sein, sich auf das Wesentliche fokussieren zu können. Auf einen Blick entscheiden zu können, was gerade wichtig ist und das Projekt voranbringt und was liegen bleiben kann. Klar, der Projektplan ist in dieser letzten Phase Makulatur. Alles läuft in einer Art Trance ab, gelernte Automatismen haben die Herrschaft übernommen. Dinge gehen schief und Termine werden nicht eingehalten aber es geht halt auch nicht anders, es gibt keine Alternative. Der Punkt ist, dass die wirklich wichtigen Aspekte trotzdem die ihnen gebührende Beachtung bekommen. Die unwichtigen hingegen werden ignoriert. Für manchen beteiligten Dienstleister, in diesem Fall auch mich, kann das ärgerlich sein, weil man selbst in die Bredouille gerät. Das muss man ab haben.

Ich selbst wäre – hätte ich die Verantwortung für das Projekt – wahrscheinlich schon längst in Angststarre verfallen oder hätte das Projekt unter „Gescheitert“ abgeheftet. Dann fiel mir allerdings ein, wie das war als ich noch redaktionell tätig war. Ein Job den ich fast zwei Jahrzehnte lang gemacht habe. Redaktionsschluss schon längst vorbei, der Drucker ruft stündlich nach den Druckdaten und noch immer sind zwanzig Seiten offen! In solchen Situationen kehrte immer eine seltsame Ruhe in der Redaktion ein. Fast schon eine Art Zufriedenheit und Sicherheit. Jeder wusste was er zu tun hatte und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Plötzlich arbeiteten alle zusammen und halfen sich wo es nur ging. Konzentration und Routine übernahmen das Steuer: „Was, da fehlt noch ein Produktfoto? Dann nehmen wir halt ein Agentur-Bild“, „Der Autor hat den Artikel noch nicht geliefert? Ich besorg statt dessen eine Eigenanzeige“.

Jetzt ist mir klar: Fehlende Ressourcen und Zeitmangel können ein Projekt scheitern lassen. Oder auch nicht, wenn man auf erfahrene Mitarbeiter setzt und der Routine freien Lauf lässt!